Den Unterschied kennen wir alle. Wenn wir plötzlich hinter den vielen Stimmen des Alltags, die wir so gewohnt sind, eine andere Stimme wahrnehmen. Die Stimmen des Alttags sind häufig sehr laut und dominant. Sie stürzen über uns herein, sie möchten unser äußeres Leben regeln. Sie ertönen aus Radio und Fernseher, auf den Straßen, in den Büros und Fabriken, Zuhause, überall. Ihre Sprache ist einfach. Wir selbst sprechen sie fließend, ohne nachzudenken. Wer aufmerksam ist, merkt jedoch, daß wir mit dieser Sprache andere häufig nur an der Oberfläche erreichen. In die Tiefe zu dringen vermag sie nicht. Wenn Menschen uns in der Tiefe berühren, haben sie eine andere Sprache gewählt, die Sprache der Seele.
Die Sprache der Seele unterscheidet sich in manchem von der Sprache des Alltags. Sie ist leise, bedächtig, sucht und findet ihr Gegenüber. Manchmal fehlen ihr die Worte. Dann greift sie zu andern Mitteln: zum Schweigen, Schauen, Lauschen, einer Geste, einer stummen Berührung. Überhaupt lebt die Sprache der Seele von der Stille und der Konzentration. Sie ist immer Reden und Hören in einem. Manchmal meldet sie sich ganz von selbst. Sie unterbricht uns in unserem Alltag. Wie ein Lichtstrahl im Dunkel leuchtet die Stimme der Seele plötzlich, manchmal unerwartet, aus unseren Innern, aus unserer Tiefe auf. Wenn wir ihr Lauschen, vermag sie uns unendlich viel zu schenken. Eine Erinnerung, ein stimmiges Gefühl, eine Warnung vielleicht. Eine Unterbrechung des Alltags, die uns womöglich auf einem Weg in die falsche Richtung zu stoppen vermag.
Glücklicherweise können wir der Stimme unserer Seele sozusagen entgegengehen. Um ihr Raum zu geben, brauchen wir nur unseren Alltag mit seinem Stimmengewirr für eine kleine Weile selbst zu unterbrechen. Einen Moment der Stille aufzusuchen, einen Augenblick des Schweigens. Um dann der Seele und ihrer Sprache Gehör zu schenken. Das ist im Gespräch mit anderen ebenso möglich wie in der Einsamkeit.
Manchmal ist es nur ein kleiner weiterer Schritt, und wir hören hinter der Stimme unserer Seele auch die Stimme Gottes erklingen. Denn sein Geist spricht auch die Sprache der Seele. Auch Gottes Stimme fehlen manchmal die Worte, dann sie wieder ganz klar. Sie sucht sich ihren Weg aus dem Urgrund unserer Tiefe in das Bewußtsein. Für manchen ist es eine umwerfende Entdeckung gewesen, daß Gottes Stimme sich in der Nachbarschaft der eigenen Seele finden läßt. Dabei gibt es schon uralte Hinweise wie diesen: "Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?" (Paulus im 1. Brief an die Korinther, um 55 n. Chr.)
Hier in Broder Hinrick wollen wir uns einmal im Monat gemeinsam auf den Weg machen, in uns hinein zu hören: In der Taizé-Andacht ist eine Zeit der Stille vorgesehen, Zeit, um die Seele, zur Sprache kommen zu lassen, Zeit, um Gottes Geist zu lauschen. Auch hier gilt, wie in vielen anderen Dingen: Gemeinsam geht's einfach besser.