Die Krippe in der Broder Hinrick Kirche

Pastor Andreas Riebl

Jedes Jahr im Advent ist es wieder soweit. Einige wenige eingeweihte Helfer klettern auf den Dachboden und holen die Krippe in die Kirche: Ein Stall aus Holz, eine Tischplatte, die mit Tannenzweigen verziert werden wird und -die Hauptsache - die tönernen Krippenfiguren. Diese sind vor mehr als zwanzig Jahren von einer jungen Frau aus unserer Gemeinde angefertigt worden. Jahr für Jahr wiederholt sich vor Weihnachten der gleiche Ritus: Am ersten Advent wirkt die Krippe noch recht leer. Doch Sonntag für Sonntag scheinen mehr Menschen und Tiere zum Stall nach Bethlehem zu ziehen. Am Heiligen Abend ist die Szene dann komplett: Das Christuskind liegt im Futtertrog (der eigentlichen "Krippe"), Maria und Josef, die Eltern, in seiner Nähe. Hirten knien davor, Engel verkündigen die große Freude. Schafe, die den Hirten folgten, sind ebenso dabei wie Ochs und Esel. Und schon tauchen am Rande die drei Weisen aus dem Morgenlande auf, die heiligen drei Könige Kaspar, Melchior und Balthasar, deren Feiertag auf den 6. Januar fällt, der auch das Ende der Weihnachtszeit ist. Bis dahin bleibt auch die Krippe stehen und Kinder wie Erwachsene können nach den Gottesdiensten das "Wachsen" der Krippe bestaunen.

Eine Krippe findet sich zur Weihnachtszeit in den meisten Kirchen und auch in vielen Wohnzimmern. Auch auf dem Weihnachtsmarkt im Ole Börner wurden kleine selbst gebastelte Krippen zum Verkauf angeboten. Aber woher kommt eigentlich die Idee einer Krippe? Wer ist zum ersten Mal darauf gekommen, die Figuren der biblischen Weihnachtsgeschichte so anschaulich darzustellen?

Es gibt eine Legende, daß es der Heilige Franziskus (Franz von Assisi) war, der im Jahre 1223 in einer Felsgrotte nahe einem kleinen italienischen Dorfe die Figuren der Weihnachtsgeschichte aufbaute, um den einfachen Menschen die Botschaft von Weihnachten näher zu bringen. Sie sollten sie im wahrsten Sinne des Wortes "begreifen" können. Wahrscheinlich war es etwas anders. Franz hatte die Idee, einen Weihnachtsgottesdienst in einem wirklichen Stall zu feiern. Mit Ochs und Esel und einer strohgefüllten Krippe, so daß sich die Bauern des Dorfes Greccio unversehens in der Rolle der Hirten wiederfanden. Die Heilige Familie war noch nicht dabei. Trotzdem, hier liegt eine historische Wurzel für die Krippe und das Krippenspiel. Richtig ist auch, daß die Krippe ihren Ursprung in Italien hatte. Nachweisbar hat sich die Tradition seit Mitte des 16. Jh. von dort nach Spanien und nach Süddeutschland ausgebreitet. Zuerst standen Krippen in Kirchen und an Fürstenhöfen, bald fanden sie auch Einzug in Bauern- und Bürgerhäuser.

Das Geheimnis der Krippe ist sicher, daß sie schlicht und anschaulich viele Zusammenhänge darzustellen vermag. Die Leute im Mittelalter konnten ja selten lesen und schreiben. Aber hören und schauen. So wie die Weihnachtsgeschichte eine der schönsten Erzählungen der Bibel ist, bei deren Klang wir die Ereignisse und Figuren vor unserem inneren Auge zu sehen vermögen, so stellt die Krippe uns die Botschaft von der Geburt des Gotteskindes mitten unter uns Menschen sichtbar vor Augen.

In ihr vereinen sich die bekannte Weihnachtsgeschichte des Lukas, wie wir sie aus der Christvesper am Heiligen Abend kennen und die Weihnachtserzählung des Matthäus mit Zitaten aus dem Alten Testament. Den Stall, die Krippe, die Hirten und Engel finden wir im Lukasevangelium. (Wer in der Bibel nachlesen möchte: Lukas 2, Verse 1 - 20). Die Geschichte von den drei Weisen aber steht bei Matthäus (2, 1 -12). Und Ochs und Esel - woher kommen die? Es gibt einen Vers im Buche des Propheten Jesaja, den unsere Vorfahren mit der Weihnachtsgeschichte in Verbindung gebracht haben: "Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht." (Jesaja 1, 3)

So ist jede Krippe eigentlich eine Bild-Predigt. Indem wir sie anschauen, erzählt sie uns nicht nur, was damals in Bethlehem geschah. Liebevoll läßt sie uns auch die Bedeutung von Weihnachten erahnen. Gott wurde Mensch, nicht ein mächtiger Herrscher sondern ein wehrloses Kind, nackt und ohne Herberge. Das Zuhause des Gottessohnes ist mitten unter den armen und einfachen Menschen. Die begreifen auch das Unerhörte und umringen den Stall. Der himmlische Glanz - vermittelt durch die Engel - erhellt auch sie und ihr Leben. Und schließlich begreifen es auch die Weisen.

Kein Wunder, daß die Krippe einen Siegeszug durch die christliche Welt angetreten hat. "Jeder Krippenbauer stellt das Geschehen so dar, als läge Bethlehem vor seiner Haustür. Die Hirten in bayerischen Krippen tragen die üblichen Trachten. In Japan bringen anstelle der Könige Samurais die Geschenke. Bei den Eskimos liegt das Jesuskind auf einem Schlitten, und in Afrika ist das Christkind schwarz. Die Kolumbianer lieben es bunt.
Auch in Europa findet sich eine wahre Krippenvielfalt. Die Andalusier flechten eine Graskrippe aus Palmwedeln. Für die Figuren wird Hanf verknotet. Bei den Krippen aus Neapel sind Stall und umgebende Gehöfte Ruinen. Die Krippenschnitzer der französischen Provence verwenden Baumrinde und Torfballen. Auf Korsika liegen in der Krippe getrocknete Meeresalgen. Aus Thüringen stammt eine Glasbläser-Krippe." *)

Wenn die Menschen die Krippe so gestalten haben sie recht. Denn Weihnachten heißt: Gott ist uns Menschen nahe. Dort, wo wir sind.

Andreas Riebl, Pastor zu Broder Hinrick

*) zitiert aus: Lexikon Kirche und Religion


Aus dem Matthäusevangelium (2, 1 - 12)

Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:
Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.
Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem,
und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte.
Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten: »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«
Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre,
und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, daß auch ich komme und es anbete.
Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.
Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut
und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.


Aus dem Lukasevangelium (2, 1 - 20)

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde.
Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.
Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,
damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.
Und als sie dort waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte.
Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.
Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.
Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.
Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.
Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.
Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.