Wenn ich Sonntagmorgens gegen Zehn Uhr im Eingang unserer Kirche stehe, den Blick erwartungsvoll in Richtung Tangstedter Landstraße gerichtet, herrscht dort meistens Ruhe. Kaum ein Auto fährt um diese Zeit vorbei. Diese Ruhe genieße ich bereits seit den frühen Morgenstunden als willkommene Erholung vom Berufsverkehr, der an allen übrigen Tagen die Atmosphäre beherrscht. Am Pfingstmontag trauen wir uns sogar, vor der Kirche einen Gottesdienst zu halten. Es funktioniert, weil der Verkehrslärm sich in Grenzen hält. Die Ruhe des Feiertages ist mehr, als es nur frommen Christen zu ermöglichen, an einem Vormittag die Kirche aufzusuchen. Wer so argumentiert, wie kürzlich ein Kommentator des Hamburger Abendblattes, und mit Hinweis auf vermeintlich niedrige Gottesdienstbesucherzahlen zu dem Schluß kommt, der Sonntag sei ein Auslaufmodell, der setzt leichtfertig ein wertvolles Gut aufs Spiel.
Ich will mir einfach nicht einreden lassen, daß wir Deutschen ein Volk seien, daß vor lauter Langeweile umkommt, wenn es nicht täglich die Möglichkeit zum Einkaufen in unseren Konsumtempeln erhält. Ich bin froh, daß bisher fast nur für diejenigen, die im Krankenhaus, bei Polizei oder Rettungsdiensten, in Gastronomie oder Öffentlichem Verkehr beschäftigt sind, der Sonntag zum Werktag werden kann, meist in zweiwöchigem Rhythmus. Für die übrigen heißt es: Ausschlafen dürfen, bei der Familie sein, Freunde besuchen, die selbstverständlich auch frei haben, Fußball spielen (eine Mannschaft braucht mindestens elf Spieler, die frei haben) oder eben mal zur Kirche gehen, um anschließend einfach nur zu faulenzen. Die Ruhe des Feiertages legt sich, wenn nicht auf die Autobahnen, so doch wenigstens auf die Wohnquartiere. Und irgendwann muß man doch das, was man erarbeitet und erworben hat, auch mal genießen dürfen - möglichst in Gemeinschaft mit Leuten, die dann nicht absagen müssen mit dem Hinweis: Ich bin im Dienst.
Selbstverständlich freue auch ich mich, wenn Sonntags möglichst viele von Ihnen sich sagen: "Wir gehen gern mal wieder in den Gottesdienst." Aber die Kirchen kämpfen doch nicht um den arbeitsfreien Sonntag, damit ihre Häuser voller werden. Das wäre Selbsttäuschung. Nein, wir Christen wissen noch, wie wichtig Unterbrechungen des Alltags und wiederkehrende Rituale für den Einzelnen und die Gemeinschaft sind. Das Jahr wird doch fast nur durch kirchliche Feiertage vernehmlich unterbrochen und gestaltet. Ohne gestaltete und vielleicht feierlich wiederkehrende Unterbrechungen würde unser alltägliches Leben noch ungehemmter und schneller empfunden werden, als es jetzt schon viele Zeitgenossen beklagen. Wir Menschen brauchen meiner Überzeugung nach einen wiederkehrenden Rhythmus im Jahreskreis. Er dient unserer Seele zur Orientierung, um Atem zu schöpfen und Vergangenes und Gegenwärtiges in unserer Erinnerung zu verknüpfen, und schließlich um selbst einen Rhythmus zu finden in einer Zeit, die kaum noch überlieferte "Anhalts" - Punkte bietet.
Für die Gläubigen geht es mir darum, Raum zu lassen für das Einhalten des dritten Gebotes: Du sollst den Feiertag heiligen. Für alle anderen hoffe ich, daß sie die Ruhe des Sonn- und Feiertages als Atempause nutzen, sich selbst spüren anstatt sich in Geschäftigkeit zu verlieren und vielleicht mit uns zu erkennen: Es war keine so schlechte Idee des Schöpfers, sich zu erlauben, am siebten Tag zu ruhen; und auch nicht, es seinen Mitgeschöpfen zu verordnen.
Ihr Pastor A. Riebl